Top

Die Entdeckung der Faulheit

7. Februar 2005

Corinne Maier, 41, ist Französin und hat ein Buch geschrieben: “Bonjour paresse”. Das heisst soviel wie “Hallo Faulheit” und ging in Frankreich und Spanien hunderttausendfach über die Ladentheke. Es handelt von ihrem Leben und ihrem Job bei einem grossen französischen Energieversorger. Teilzeit.

Dafür ist Frau Maier als Politologin, Volkswirt und Psychoanalytikerin eigentlich überqualifiziert. Aber es schärft den Blick. Und so reiht sie kluge Sätze und irritierende Einsichten aneinander, Seite für Seite, mit offensichtlichem Sinn für das, was in der Luft liegt. Sie vergleicht den Anspruch an die immer weniger werdenden Mitarbeiter, sich mit dem Unternehmen zu identifizieren, und dabei hochmotiviert, flexibel, belastbar und stets erreichbar zu sein.

Vergleicht ihn mit der gefühlten Wirklichkeit ihrer Kollegen, die laut einer aktuellen Gallup Umfrage hierzulande so aussieht: 87 Prozent der Arbeitnehmer fühlen keinerlei echte Verpflichtung gegenüber ihrem Arbeitgeber, während 18 Prozent längst innerlich gekündigt haben und nur 13 Prozent sich voll für ihr Unternehmen einsetzen.

Um Anspruch und Wirklichkeit unter einen Hut zu kriegen, bedienen sich die leitenden Angestellten der Sprache: “Das Auffälligste an einem Unternehmen ist seine Phrasendrescherei.” Schreibt Corinne Maier und ruft zur inneren Kündigung auf. “Die Entdeckung der Faulheit - Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun”, erscheint diese Woche bei Goldmann und ist verspricht: “Dieses Buch wird Ihnen helfen, sich des Unternehmens zu bedienen, während Sie bisher lediglich dem Unternehmen dienten.”

Das macht mein Chefs schon lange, wird sich mancher denken und geht in Zukunft noch gezielter vor: Klare innere Kündigung, bloss keine Karriere, keine Verantwortung, nicht auffallen und eine ruhige Kugel schieben. “Wer sagt denn, das ausgerechnet das Büro der Ort sein muss, an dem wir uns, wie heisst es immer: verwirklichen?” Und so legt das Buch einen Finger in eine Wunde, die derzeit ziemlich schmerzt:

Kostspielige Rückholaktionen der Automobilhersteller aufgrund mangelhafter Teile der, über Jahre hinweg ausgepressten, Zulieferer, teure Pannen wegen überarbeiteter Mitarbeitern, die latente Angst, trotz glänzender Gewinne bald ausgesourced zu werden … und was im Wirtschaftsteil noch zu lesen ist. Was wird, wenn Corinne Maier auch hierzulande kreative Adepten und Practitioner um sich scharrt? Eine interessante Frage!

Teile und genieße Diese Icons verzweigen auf soziale Netzwerke bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google
  • Technorati
  • MisterWong
  • e-mail
  • SphereIt
  • StumbleUpon

Kommentare

Ihr Kommentar





Bottom