iPod Therefore iAm
28. Januar 2005
Markus Giesler, 28, Absolvent der Privatuniversität Witten-Herdecke, wurde mit 27 jüngster Assistant Professor Nordamerikas, und zwar für Marketing an der Schulich School of Business, York Universität, Toronto. Der ehemalige Produzent für Werbejingles, Autor (ManagerMagazin) und Labelbesitzer, gilt inzwischen als eine der ersten Adressen in Sachen High-Tech Konsumentenforschung. Er publizierte über die Napster Schenk-Ökonomie, untersuchte die Risikobereitschaft im Erlebnisraum Tauschbörse und betreibt ethnografische Studien über den iPod. Die dazugehörige Webseite heisst iPod Stories. In einem Telepolis-Interview erzählt er ein wenig über seine persönlichen Erfahrungen:
“Ich war von 1995 bis 2002 als Autor und Musikproduzent im eigenen Label tätig. Zuerst mit einem, später dann mit drei Tonstudios. Da habe ich ganz unterschiedliche Sachen produziert, von Pop, über Radiojingles bis hin zur Lounge Musik. Das war eine tolle Zeit.
telepolis: Was hat sie zu dem Wechsel bewogen?
Markus Giesler: Irgendwann fand ich meine Musik im Internet wieder, raubkopiert. Da stand ich dann vor der Wahl: Verklage ich diese Leute jetzt oder will ich sie vielleicht verstehen? Ich entschloss mich für letzteres und begann 1997, parallel zu meiner Musikpraxis, die Zukunft der Zeitgeistindustrie in den Mittelpunkt eines Studiums der Wirtschaftswissenschaft in Witten und Chicago zu stellen …”
Cyborg Konsumenten
Ausgehend von ersten Vorstudien, ist der iPod weit mehr als ein Walkmann der dritten Generation. Für viele User ist er vielmehr ein revolutionäres Gerät, das sie via “Techno-Transzendenz” in einen Cyborg verwandelt: “iPod und User werden zu einer cybernautischen Einheit. Auch wenn wir über Cyborgs meist in kulturell-theoretischem und sciencefiktösem Kontext reden, hier haben wir ein excellentes Beispiel für ihr Auftreten in der Öffentlichkeit”.
Die hybride Entertainment Matrix
Nichts charakterisiert den Übergang vom homo ludens zum homo oeconomicus besser als der iPod. Das Gerät verbindet den Zuhörer mit der “hybriden Entertainment Matrix”, wobei Funktionen wie das zufällige Abspielen von Musiktiteln (random shuffle) zu den medialen Schlüsselelementen zählen. Ähnliches macht derzeit auch die Musik durch: Die klassischen Songs verwandeln sich unter den Händen von DJ´s in endlose Clubmixe, aus verschiedenen Musiktiteln werden alchemistische “Playlists”, individuelle Klangmuster und emotional gefärbte Hintergründe, gemessen in Stunden und verglechbar mit dem 24 Stunden Rad altchinesischer und -indischer Musiktheorie.
Cyborg Konsumenten sind PolyToxikomane: Sie benutzen verschiedenste Technologien, vom “Handy über den iPod bis hin zu Viagra”. Immer technisch und sozial hoch vernetzt. Denn der iPod ist für seine User weit mehr als eine Musikbox, er wird zur portablen Erweiterung des Gedächtnis. Er verbindet den Soundtrack unseres Lebens mit der entsprechenden Adressdatei, persönlichen Telefonnummern, Notizen und unseren Kalender. Wir tragen ihn am Körper, frönen dem Kult um das passende Zubehör und kaufen entsprechende Boxen, Auto-Anschlüsse, Funkstationen, Mäntelchen, exotische High Tech Accessoires und andere Paraphernelia. Vibriert die Festplatte am Körper, fühlen wir uns lebendig …
Vom Besitz zum Zugang
User betrachten ihren iPod als Teil von sich, weniger als transportable Stereoanlage, sie technotranszendieren und sitzen nicht länger vor einem Fernseher, sie werden Teil eines globalen Spiels, der hybriden Entertainment Matrix. Ein omnipräsentes Netzwerk aus Computer, Festplatte, Internet, Filesharing, Blog, Podcast und Music Store. Ausgetauscht werden nicht länger einzelne Lieder, als vielmehr komplette multimediale Bibliotheken und Festplatten. Eine der Konsequenten daraus skizziert Giesler im ManagerMagazin : “Eigentlich haben wir es ja schon immer geahnt: Technologien wie das Internet erweitern nicht nur die Möglichkeiten moderner Marktforschung und zielgruppenspezifischer Kommunikation. Sie eröffnen vor allem neue Wege, um vor ihnen davonzulaufen …” Das gelingt aber nicht immer, wie die skurrile PromiSichtung von Markus Giesler und Brian Adams zeigt: iPod Therefore iAm!
















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